Herrand von Wildonie

Aus Arbeitskoffer zu den Steirischen Literaturpfaden des Mittelalters
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Herrand von Wildon(ie) (*1230[1]/1248[2] , †1278/1287) war ein steirischer Literat des Mittelalters. Seine vier Verserzählungen, die im „Ambraser Heldenbuch“ überliefert sind, und drei Minnelieder, die wir im Codex Manesse finden, waren ursprünglich für den Familienkreis bestimmt, wirkten aber weit darüber hinaus.[3]


Inhaltsverzeichnis

Allgemeines zu Herrand

Herrand von Wildon(ie), dessen Geburtsdatum mit 1230 oder 1248 anzugeben ist, stammt aus Wildon, das bei Graz an der Mur liegt. Sein Sterbedatum ist mit 1278 oder 1287 nicht klar definiert. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist eine Gleichsetzung mit Herrand II. aus dem Geschlecht der Adeligen von Wildon möglich.[4] Sicher ist jedoch, dass er Angehöriger einer einflussreichen steiermärkischen Adelsfamilie war. Herrand übte, wie auch sein Großvater, das Amt des Truchsess aus. Durch die Heirat mit Perchta, der Tochter Ulrichs von Liechtenstein, und die damit verbundene Verschwägerung mit diesem wurde er in den frühen 60er Jahren des 13. Jahrhunderts zu gelegentlicher literarischer Betätigung angeregt. Herrand führte ein politisch bewegtes, streitbares Leben, in dem er sich auch im Zuge des Interregnums politisch in prominenter Position befand.[5] Herrand war zuerst Parteigänger Belas von Ungarn, danach unterstützte er Ottokar von Böhmen und zuletzt König Rudolf von Habsburg. Seine politischen Seitenwechsel, die in klarem Kontrast zur Betonung der Treue in seinem Werk stehen, brachten ihm u.a. eine Anklage wegen Hochverrats und eine sechsmonatige Inhaftierung durch Ottokar von Böhmen im Jahr 1268 ein.[6] Im Frühjahr 1275 musste er die Steiermark sogar für kurze Zeit verlassen, weil er sich gegen die Landesherrschaft erhoben hatte.[7] Im "Reiner Schwur" von 1276 bekannten sich die steirischen Adeligen formell zu Rudolf von Habsburg; Herrand war Mitunterzeichner dieses Schwurs.[8]

Sein Wirken als Dichter

Im „Ambraser Heldenbuch“ befinden sich vier Versnovellen Herrands von Wildon. Dazu kommen drei kurze Minnelieder, die im Codex Manesse überliefert sind. Seine ethisch anspruchsvolle Dichtweise kann man an seinem ganzen Oeuvre gut erkennen: Herrand verpackt darin zeitaktuelle Appelle, sich in schwierigen politischen Situationen richtig zu verhalten. Damit ist sein Minnesang ein Instrument, das neben der unterhaltenden Funktion auch meinungsbildend sein sollte. Gattungstechnisch und teilweise auch stofflich wurde er vom Schaffen des Strickers inspiriert. Der Wildoner beansprucht der älteste uns bekannte adelige Märendichter zu sein. Seine Eigenständigkeit zeigt Herrand durch individuell gestaltete, an die Landesgeschichte anknüpfende Kommentare in seinen Geschichten, sowie durch seine geschmeidig-elegante und verstechnisch geschliffene Sprachgebung.[9] Herrands Lyrik war so bekannt, dass sie im "Renner" Hugos von Trimberg erwähnt wird. Hugo von Trimberg nennt darin eine Reihe von Dichtern, die als edle Herren tugendreich gesungen haben. Neben Größen wie Heinrich von Morungen oder Walther von der Vogelweide wird dabei auch Herrand von Wildon gelobt.[10]

Einzelne Werke

Neben seinen drei Minneliedern verfasste Herrand vier kleine Verserzählungen, in denen er sich selbst als Autor nennt. Die ersten beiden Erzählungen gehören der zur damaligen Zeit noch neuen Gattung Märe an. Herrand passt in allen Fällen altes, europäisches geläufiges Erzählgut in durchaus individueller Art und Weise an, in drei dieser Fälle findet man in anderen zeitlich relativ nahestehenden Werken Vergleichsbeispiele.[11]


Kurzinhalt der vier Verserzählungen

Im Folgenden werden die vier Verserzählungen Herrands kurz zusammengefasst:[12]

  • Eine dieser Verserzählungen trägt den Titel „Die treue Gattin“. Diese Erzählung handelt davon, dass sich eine hübsche Gattin ihr Auge aussticht, damit sie ihrem Mann ähnelt, der infolge einer Verletzung beim Turnier auf einem Auge erblindete. Diese Tat führt zu einem Happy End mit einem Loyalitätsappell, welchen man zur damaligen Zeit nicht nur auf die Gattinnentreue, sondern auch auf Treue in politischen Belangen beziehen musste.
  • Im zweiten Text, „Die Katze“, behandelt Herrand die eheliche Untreue durch einen Mann in einer fast märchenhaft gestalteten Warnfabel. Während die Katzenheldin schläft, begibt sich ihr Kater auf die Suche nach einer anderen, mächtigeren Frau und kehrt am Ende einer unerwarteten „Machtkette“ schließlich reumütig zurück. Die Gattin lässt ihn erst nach einer demütigenden Rede wieder in seine alte Rolle zurückkehren. Herrand nimmt darin Bezug auf die Gefahren bei Untreue und rät zur Gefolgschaftstreue. Damit hat auch diese Erzählung eine weit über die Ehethematik hinausreichende herrschaftliche Relevanz.
  • Einer weiteren Erzählung, dem „Nackten Kaiser“ diente die ungereimte „Tiutsche crônicâ“ als Vorlage. In Herrands Erzählung schlüpft ein Straf-Engel im Badehaus in die Kleider eines korrupten römischen Kaisers. Daraufhin muss der Kaiser zusehen, wie die gerechte Abwicklung eines Hoftages aussieht. Einsichtig wird er wieder ins Kaiseramt eingesetzt, führt den Hoftag angemessen fort und nimmt den Rat seiner Fürsten an, mit denen er nun seine Macht teilt. Die zeitaktuelle Relevanz besteht in der Sicherung des eigenen Heils zwischen den ständig wechselnden herrschaftlichen Ansprüchen.
  • „Der betrogen Gatte“, die vierte und letzte Verserzählung, ist ein schwankhafter Text und somit humoresk-deftige Literaturkost. Der Stoff für diesen Text wurde Herrand - nach Selbstaussage - von seinem Schwiegervater Ulrich von Liechtenstein erzählt und birgt einen vagen Hinweis auf einen Ritter aus Friaul, dem sie zugestoßen sein soll. Ein wachgewordener Ehemann kann den Liebhaber seiner Frau, von dem er denkt, dass dieser ein Dieb ist, zwar ergreifen, aber nur kurz festhalten. Um ihre Liebschaft nicht bekennen zu müssen, unterstellt seine Frau einem Esel der Dieb zu sein, daraufhin wird der Ehemann misstrauisch. Infolgedessen kehrt der Mann ins Schlafzimmer zurück und schlägt dort seine Ehefrau. Diese ist jedoch rechtzeitig geflohen und hat eine Freundin überredet, an ihrer Statt im Ehebett zu warten. Am nächsten Morgen kann sich die Gattin ihrem Ehemann völlig unversehrt zeigen und das Geschehene als bösen Traum darstellen. Diese „Schnurre“ wird durch die Empfehlung Herrands, die Geschichte als Warnung zu verstehen, abgerundet. Dabei ging es ihm wohl in erster Linie um die Freude an der Unterhaltung.

Einzelnachweise

  1. Vgl. Curschmann, Michael: Herrand von Wildonie (Wildon). Verfasserlexikon. Die deutsche Literatur des Mittelalters. Band 3. Hrsg. von Kurt Ruh, Gundolf Keil, Werner Schröder, Burghart Wachinger, Franz Josef Worstbrock. Berlin/New York: de Gruyter 1981. Sp. 1144.
  2. Vgl. Hofmeister, Wernfried: Steirische Literatur (950-1282). In: Johannes Giessauf (Hg.): Geschichte der Steiermark (in Vorbereitung), [Vorabdruck 2014: S. 24].
  3. Vgl. Schulze, Ulrich: Herrand v. Wildonie. In: Lexikon des Mittelalters 4. Stuttgart/ Weimar: Metzler 1999. Sp. 2180.
  4. Vgl. Hofmeister, Wernfried: Steirische Literatur (950-1282). In: Johannes Giessauf (Hg.): Geschichte der Steiermark (in Vorbereitung), [Vorabdruck 2014: S. 24].
  5. Vgl. Curschmann, Michael: Herrand von Wildonie(Wildon). Verfasserlexikon. Die deutsche Literatur des Mittelalters. Band 3. Hrsg. von Kurt Ruh, Gundolf Keil, Werner Schröder, Burghart Wachinger, Franz Josef Worstbrock. Berlin/New York: de Gruyter 1981. Sp. 1144-1147.
  6. Vgl. ebda.
  7. Maleczek, Werner: Die Steiermark. Phasen der Landeswerdung im Hochmittelalter. In: ÖGL 41 (1997), S. 96.
  8. Vgl. Curschmann, Michael: Herrand von Wildonie(Wildon). Verfasserlexikon. Die deutsche Literatur des Mittelalters. Band 3. Hrsg. von Kurt Ruh, Gundolf Keil, Werner Schröder, Burghart Wachinger, Franz Josef Worstbrock. Berlin/New York: de Gruyter 1981. Sp. 1144.
  9. Vgl. ebda. S. 24-29.
  10. Vgl. Hugo von Trimberg: Der Renner, ed. Gustav Ehrismann. Tübingen 1908, V. 1180ff.
  11. Vgl. Curschmann, Michael: Herrand von Wildonie(Wildon). Verfasserlexikon. Die deutsche Literatur des Mittelalters. Band 3. Hrsg. von Kurt Ruh, Gundolf Keil, Werner Schröder, Burghart Wachinger, Franz Josef Worstbrock. Berlin/New York: de Gruyter 1981. Sp. 1145.
  12. Vgl. Hofmeister, Wernfried: Steirische Literatur (950-1282). In: Johannes Giessauf (Hg.): Geschichte der Steiermark (in Vorbereitung), [Vorabdruck 2014: S. 29 ff].
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