Märe

Aus Arbeitskoffer zu den Steirischen Literaturpfaden des Mittelalters
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Der Terminus "Märendichtung" gilt als ein Kunstwort der Wissenschaft. Durch Vergleiche mit anderen Gattungen hat man herausgefunden, dass sich innerhalb der spätmittelalterlichen Literatur eine durch Form und Inhalt gekennzeichnete Gattung abhebt.

Inhaltsverzeichnis

Definition

Das mittelhochdeutsche maere lässt sich auf das althochdeutsche Wort mari zurückführen, das 'wovon man viel spricht' bedeutet. Im Mittelhochdeutschen bedeutet es dann 'berühmt, berüchtigt, bekannt, beachtenswert, kostbar, lieb'.[1] Das Substantiv daz maere bedeutet 'Nachricht, Neuigkeit, Kunde, Bericht, Erzählung, Rede, Gerücht', im engeren Sinn meint es die erzählende Dichtung bw. eine Geschichte.[2]

Als Gattungsbegriff wurde mhd. daz maere durch Hanns Fischer in die Wissenschaft eingeführt. Die Gattung Märe bezeichnet eine in paarweise gereimten Vieraktern versifizierte, selbständige und eigenzweckliche Erzählung mittleren Umfangs, die zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert entstand und deren Gegenstand fiktive, diesseitig-profane und unter weltlichem Aspekt betrachtete, mit vorwiegend menschlichem Personal vorgestellt Vorgänge sind.[3] Das Märe ist damit die deutschsprachige Variante der Novellistik, die beispielsweise in Boccaccios Decamerone begegnet, und sich u.a. durch das Aufgreifen und neue Bearbeiten alter (antiker, orientalischer mittellateinischer) Stoffe auszeichnet.[4] Die Gattungsbezeichnung ist innerhalb der Germanistik allerdings umstritten, da ihr offensichtlich kein mittelalterliches Gattungsbewusstsein zugrunde liegt und die Abgrenzung zu formell und/oder funktional ähnlichen Nachbargattungen (Bîspel, Rede, Legende, Fabel, höfischer Roman) teilweise schwierig zu leisten ist.[5]

Themen

Was gemeinhin als Märendichtung bezeichnet wird, beginnt im deutschsprachigen Raum mit dem Werk des Strickers. Die Erzählungen oszillieren zwischen schwankhaft-unterhaltsam und moralisch-exemplarisch, das Zentrum bildet oft ein komischer oder erotischer Konflikt. Das Figurenpersonal ist dabei häufig schematisiert, die Handlungskonstellationen (z.B. Ehe, Dreiecksverhältnis, Typen aus einzelnen Ständen) sind es ebenfalls.[6] Die moralische Lehre muss nicht immer deutlich zu sehen sein, teilweise wird sie untergraben oder durch Groteskes überdeckt. In einer höfischen Variante gibt es eine sentimentalisierende Abart des Märe, als Beispiel sei Konrads von Würzburg "Hermaere" genannt.[7]

In der spätmittelalterlichen Stadt gilt die Märe mit ihrer facettenreichen Themenvielfalt als sehr populäre Erzählgattung. Dabei wird das Nebeneinander von traditionellen und neuen Themen sowie der Spielraum deutlich, den Literatur trotz aller Vorgaben der Obrigkeiten besessen hat. Viele Stoffe deutschsprachiger Mären stammen aus der antiker, französischer oder italienischer Literatur. Als bekannte Märendichter gelten Hanz Folz, Hans Rosenplüt oder Der Stricker. In der Regel sind die Texte jedoch anonym überliefert.[8]

Märenbeispiel

"Der schwangere Müller"

Der junge Müller Gumprecht will sich eine Frau nehmen. Da er in der Liebe völlig unerfahren ist, schickt ihn sein Freund Albrecht zu einem kundigen Bauernmädchen, das ihn gegen Entlohnung unterweisen soll. Als er jedoch trotz aller Bemühung die Nacht über wie ein Holzklotz liegen bleibt, jagt sie ihn am nächsten Morgen erbost davon. Freund Albrecht rät dem Enttäuschten, den Versuch zu wiederholen. Das Mädchen ist einverstanden und lässt den Tölpel nun die 'Süße' der Minne kosten, indem sie ihn während der ganzen Nacht mit Honig füttert. Davon bekommt Gumprecht ein so heftiges Bauchgrimmen, dass er sich schwanger wähnt. Auf seine Bitte schickt ihm Albrecht einige alte Frauen, die ihm bei der Niederkunft helfen sollen. Sie spielen die Posse mit und schreiten zur "Entbindung". Als er sein Kind sehen möchte, fangen sie eine junge Schwalbe und sperren diese in einen Topf. Gumprecht hebt den Deckel, die Schwalbe fliegt davon und er kann nun nur noch den Verlust "seines Kindes" beklagen.

Quellennachweise

  1. Hilker Weddige: Mittelhochdeutsch. Eine Einführung. 8., duchges. Aufl. München: Beck 2010, S. 117.
  2. Weddige, Mittelhochdeutsch, S. 117.
  3. Vgl. H.-J. Zeigler: Märe. In: LMA VI, Sp. 229: Das Märe wird im Umfang von kürzeren (bîspeln) und längeren Erzählungen (Romanen) abgegrenzt. Der fiktive, diesseitige Inhalt schafft den Unterschied zu geistlichen Erzählungen wie Legenden oder Heiligenviten; das überwiegend menschliche Personal unterscheidet das Märe von der Fabel.
  4. Vgl. H.-J. Ziegler: Märe. In: LMA VI, Sp. 229f.
  5. Vgl. CKR: Märe. In: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Begründet von Günther und Irmgard Schweikle. Hgg. v. Dieter Burdorf, Christoph Fasbender u. Burkhard Moennighoff. 3., völlig neu bearb. Aufl. Stuttgart, Weimar: Metzler 2007, S. 474.
  6. Vgl. Metzler Lexikon Literatur, S. 474.
  7. Vgl. Metzler Lexikon Literatur, S. 474.
  8. Vgl. Rüdiger Brandt: Grundkurs germanistische Mediävistik/Literaturwissenschaft. München: Fink 1999.(= UTB; 2071), S. 286 - 312.
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