Die Steiermark während des "Österreichischen Interregnums"

Aus Arbeitskoffer zu den Steirischen Literaturpfaden des Mittelalters
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Die Zeit zwischen dem Tod des Babenbergers Friedrich II. des Streitbaren (1246) und der Machtergreifung der Habsburger (1278/1282) wird als "Österreichisches Interregnum" bezeichnet. Verschiedene Mächte rangen um die Herrschaft in den Herzogtümern Österreich und Steiermark, längerfristig durchsetzen konnte sich nur Ottokar II., der aber den österreichischen und den steirischen Adel gegen sich aufbrachte und schließlich Rudolf I. unterlag.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte – Friedrich II. fällt in der Schlacht an der Leitha

Die Auseinandersetzungen zwischen dem Babenberger Friedrich II., dem Herzog von Österreich und Steiermark, und dem ungarischen König Bela IV. um Gebietsansprüche führten zur Schlacht an der Leitha (15. Juni 1246). Zwar siegten die Truppen Friedrichs II., er selbst fiel allerdings bei einem Überfall auf fliehende Feinde: Sein Pferd wurde von einem Pfeil tödlich getroffen und begrub ihn unter sich. Mit seinem Tod erlosch das Geschlecht der Babenberger im Mannesstamm und das „Österreichische Interregnum“ begann. [1]

Das Tauziehen um Macht in den babenbergischen Länder

Die benachbarten Mächte Ungarn, Böhmen und Bayern wollten sich die babenbergischen Länder einverleiben, Kaiser Friedrich II. wiederum betrachtete die Herzogtümer Steiermark und Österreich als heimgefallene Lehen: Graf Otto von Eberstein wurde als kaiserlicher Verwalter nach Österreich und in die Steiermark geschickt und sollte beide so lange verwalten, bis der Kaiser die beiden Reichslehen wieder vergeben hatte. Er konnte sich allerdings nicht durchsetzen. [2] 1250 starb Kaiser Friedrich II., noch bevor er sich um die Neuvergabe der Herzogtümer Österreich und Steiermark kümmern konnte. Im Heiligen Römischen Reich begann nun ebenfalls ein Interregnum, das erst 1273 mit der Wahl Rudolf von Habsburg zum König endete. Zwar war auch diese Zeit keine herrscherlose Periode, doch die Könige waren nur zum Teil anerkannt und konnten sich kaum durchsetzen. Die Schwäche der Zentralgewalt war hingegen die Chance für die Fürsten, ihre Macht auszuweiten.[3]

Das Privilegium Minus (1156) sah auch die weibliche Erbfolge bei den Babenbergern vor, war aber im Wortlaut auf die Töchter des Herzogs beschränkt. Da dieser aber keine hatte, wurde die Bestimmung auf weibliche Seitenverwandte ausgeweitet. Um die Ansprüche Böhmens auf die babenbergischen Länder abzusichern, heiratete der böhmische Kronprinz Wladislav Friedrichs Nichte Gertrud; er starb allerdings schon 1247. Durch seinen frühen Tod konnte er in Österreich und in der Steiermark nicht eingreifen. Auch Gertrudes nächster Gatte, Hermann von Baden, starb bereits 1250 und schaffte es nicht, sich im Land durchzusetzen.[4]

Verheerende Einfälle ungarischer und bayerischer Truppen veranlassten den österreichischen und den steirischen Adel, sich selbst nach jemanden umzusehen, der die Ordnung wiederherstellen konnte. Ihr Blick richtete sich auf den böhmischen Kronprinzen Ottokar (den Bruder des verstorbenen Wladislav), der 1251 in den babenbergischen Ländern erschien und sich als Herrscher durchsetzen konnte. Ein Jahr später heiratete er die doppelt so alte, 42-jährige Margarete (Friedrichs Schwester) und wurde bald allgemein anerkannt.[5] 1253 wurde er als Ottokar II. auch böhmischer König. Gertrud hatte in der Zwischenzeit den ruthenischen Fürsten Roman von Halicz geheiratet, einen Verwandten von Bela IV., und sich so die nicht uneigennützige ungarische Waffenhilfe im Kampf gegen Ottokar gesichert. Unter päpstlicher Vermittlung gelang 1254 der Friede von Ofen: Ottokar bekam Österreich, Bela IV. erhielt die Steiermark.[6]

Kampf um die Steiermark

Eine Doppelwahl im Erzbistum Salzburg ließ den Konflikt zwischen Ottokar II. und Bela IV. wieder aufflammen: Der böhmische König unterstützte den Spanheimer Philipp (die Spanheimer herrschten in Kärnten und Krain), der andere Kandidat, Ulrich von Kirchenberg, suchte die Hilfe des Ungarn. Die steirischen Adeligen, die unter der drückenden ungarischen Herrschaft litten, versuchten die Auseinandersetzungen um das Erzbistum Salzburg zu nützen und wagten einen Aufstand, der durch die Unterstützung österreichischer Truppen erfolgreich verlief und zum offenen Kampf zwischen Ottokar II. und Bela IV. führte. Im Frieden von Wien (1261) wurde die Steiermark dem siegreichen Böhmenkönig zugesprochen.[7] 1262 wurde er von dem „Scheinkönig“ Richard von Cornwall schriftlich mit der Steiermark und Österreich belehnt, was allerdings dem damaligen Rechtsbrauch widersprach (der Vasall musste in einem symbolischen Akt vom Lehensherr belehnt werden).[8]

Ottokars Herrschaft über die Steiermark

Der österreichische wie auch der steirische Adel hatte Ottokar II. freundlich aufgenommen. Dieser versuchte aber nach und nach seine eigene Position zu stärken: Er vergab wichtige Ämter an Böhmen und Mährer und bevorzugte auf Kosten der höheren Aristokratie die Kirche und die Städte sowie den niederen Adel. 1265 begann er, die ohne landesfürstliche Genehmigung gebauten Burgen zu brechen und 1268 ließ er zahlreiche steirische Adelige verhaften (u.a. auch Ulrich von Liechtenstein), die er einer Verschwörung gegen ihn bezichtigte. Ottokar betrieb eine Politik der Härte gegen den (höheren) Adel, der seine eigenen Interessen verfolgte und den er nur schwer zügeln konnte und machte sich bei diesem dementsprechend unbeliebt.[9]

Das Ende des „Österreichischen Interregnums" und der Beginn der habsburgischen Herrschaft in der Steiermark

1273 wurde Rudolf von Habsburg zum König des Heiligen Römischen Reiches gewählt. Wie die anderen Fürsten war er nicht bereit, Ottokars Großmachtstatus zu akzeptieren: Dessen Herrschaftsgebiet umfasste seit 1269 nicht nur Böhmen, Mähren, Österreich und die Steiermark, sondern nach dem Aussterben der Spanheimer auch Kärnten, Krain und die Windische Mark, seit 1272 herrschte er auch über das Patriarchat Aquileia. Ottokar erkannte den neuen König nicht an und weigerte sich, die mit umstrittenen Rechtsanspruch erworbenen Herzogtümer Österreich und Steiermark (er hatte sie sich einfach genommen und sich von dem nicht wirklich anerkannten König Richard von Cornwall entgegen der Rechtsbräuche schriftlich belehnen lassen, auch die Auflösung der kinderlos geblieben Ehe mit Margarte hatte er erreicht und war inzwischen mit einer Verwandten von Bela IV. verheiratet) an das Reich zurückzugeben. So hatte Rudolf genug Gründe, gegen Ottokar vorzugehen und seine Großmachtstellung zu brechen. Seine Truppen drangen 1276 in Österreich, die Steiermark und Kärnten ein. Der Adel fiel rasch von Ottokar ab; im "Reiner Schwur" gelobten Adelige aus der Steiermark und Kärnten (u.a. auch Herrand von Wildon) Rudolf von Habsburg die Treue. Ottokar entschloss sich zur Unterwerfung: Er verzichtete auf alle Erwerbungen, bekam dafür aber Böhmen und Mähren als Lehen wieder übertragen. 1278 kam es wieder zu Kämpfen zwischen Ottokar II. und Rudolf I.: In der Schlacht auf dem Marchfeld wurde Ottokar geschlagen und auf der Flucht von persönlichen Feinden erschlagen. 1282 belehnte Rudolf I. seine beiden Söhne Albrecht und Rudolf gemeinsam mit Österreich, der Steiermark und Krain und beendete so das "Österreichische Interregnum".

Literarische Reflexionen des Interregnums

Die überwiegende Zahl der steirischen Dichter stammt aus dem Stand der Ministerialen und war dementsprechend in die skizzierten politischen Ereignisse während des Interregnums involviert. Auf unterschiedliche Art und Weise findet man das Interregnum in der Literatur der Steirer:

Herrand von Wildon

Herrand von Wildon hat mehrere Versepen verfasst: Die Erzählung „Die treue Gattin“ erzählt von einer liebenden Ehefrau, die sich ein Auge aussticht, um ihrem (verwundeten) Mann gleich zu sein.[10]
Eine Loyalitätsbekundung, wenn auch weniger drastisch, stellt auch die Erzählung „Die Katze“ dar: Der Kater verlässt seine Gattin um die einflussreichste und mächtigste Frau zu finden und diese zu heiraten. Am Ende muss er jedoch erkennen, dass gerade seine Katze am Ende der Kette mächtiger Gattinnen steht und er kehrt reuevoll zu ihr zurück. Die Auslegung der Katze nimmt Herrand selbst im Epilog vor[11]:

Text

Wem ditze mære gelîchen kan,
daz sage ich iu: ein ietslîch man
sol sînen hêrren hân für vol.
als er in wænt verbezzern wol,
so hât er ze arge in gar verkorn,
und ob er hœher ist geborn
und rîcher, dan der êrste was,
mit dem er ennenher genas.
als er ze eim fremden is gegân,
sô muoz er êrste heben an
und muoz dienen ûf die tage,
daz er dem selben wol behage.
und wære er dort bî im beliben,
bî dem er het sîn zît vertriben,
der müese denken im dar an,
daz er im dienst ê het getân.

Übersetzung

Für wen diese Geschichte gilt,
das sage ich euch: Jeder Mann
soll seinen Herrn anerkennen.
Wenn er meint, etwas Besseres als ihn zu finden,
so wählt er an seiner Stelle einen Schlechteren,
selbst dann, wenn der von höherer Abstammung
und mächtiger ist als der vorherige,
mit der er doch ausgekommen war.
Wenn er zu einem Fremden kommt,
muss er nämlich von vorne anfangen
und ihm so lange dienen,
bis er dessen Wohlwollen gewonnen hat.
Wäre er hingegen bei dem geblieben,
bei dem er schon lange Zeit war,
so würde der es ihm nicht vergessen,
dass er ihm schon vormals gedient hatte.

Ein weiteres Mal hat sich Herrand von Wildonie mit der Treuethematik und dem Verhältnis zwischen Gefolgsmännern befasst, nämlich in der Erzählung „Der nackte Kaiser“. Ein von Gott gesandter Strafengel schlüpft als Doppelgänger des Kaisers in dessen Kleider, während sich der echte Kaiser nackt im Badehaus befindet. Der Kaiser erkennt anhand des Verhaltens des Engels seine Fehler und wird in sein Amt wieder eingesetzt. Er folgt fortan dem Rat seiner edlen Fürsten, mit denen er seine Macht vertrauensvoll teilt.[12] Auch Herrands Lyrik ist zeitaktuell zu lesen: In Lied III klagt er über den eingekehrten Winter und lässt auf diese Passage eine Loyalitätsbekundung folgen, dass man den „nun nicht mehr sangesfreudigen Vöglein“, unter denen wir uns Dichterkollegen oder unterdrückte Ministerialen vorstellen können, beizustehen habe.[13]

Rudolf von Stadeck

Von Rudolf von Stadeck sind drei kurze Minnelieder in der [Manessischen Liederhandschrift]] überliefert. Besonders bemerkenswert ist dabei die dritte Strophe von Lied I, in der eine scheinbar renitente Dame belehrt und bedroht wird, dass jeder andere, der so zum Narren gehalten würde, seine guten Manieren vergessend ihr alles boshaft heimzahlen werde.[14] In seinem dritten Lied kündigt Rudolf seiner Dame den Dienst auf, etwas, das im Minnesang äußerst ungewöhnlich ist; auch hier dürfen wir von einer möglichen landespolitischen Lesart im Umgang mit Treue ausgehen[15]:

Text

Got gebe ir sælde und êre vil,
got gebe ir mangen guoten tac!
mit dienste ich von ir scheiden wil,
swie sî niht triuwen gen mir pflac.
iedoch so will ich wünschen ir,
daz sî niht arger minne pflege,
swie sî niht habe gelônet mir!

Übersetzung

Gott schenke ihr viel Glück und Ehre
und verhelfe ihr zu manch schönem Tag!
Meinen Dienst kündige ich jedoch auf,
weil sie mir gegenüber unaufrichtig war.
Ich möchte sie bloß noch darum bitten,
sich in Sachen ‚Liebe‘ zu bessern,
denn ich bin völlig unbelohnt geblieben!

Einzelnachweise

  1. Vgl. Erich Zöllner: Geschichte Österreichs. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 8. Aufl. Verlag für Geschichte und Politik: Wien 1990, S. 78.
  2. Vgl. ebd., S. 111.
  3. Vgl. Hilsch, Peter: Das Mittelalter - die Epoche. Konstanz: UVK 2006, S. 202-2013.
  4. Vgl. Erich Zöllner: Geschichte Österreichs. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 8. Aufl. Verlag für Geschichte und Politik: Wien 1990, S. 11-112.
  5. Vgl. Vocelka, Karl: Geschichte Österreichs. Kultur - Gesellschaft - Politik. 4. Aufl. München: Heyne 2002, S. 64.
  6. Erich Zöllner: Geschichte Österreichs. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 8. Aufl. Verlag für Geschichte und Politik: Wien 1990, S. 112.
  7. Vgl. ebd.
  8. Vgl. ebd. 112-113.
  9. Vgl. ebd., 113
  10. Vgl. Wernfried Hofmeister: Steirische Literatur (950-1282). In: Johannes Giessauf (Hg.): Geschichte der Steiermark (in Vorbereitung), [Vorabdruck 2014: S. 30].
  11. Herrand von Wildon: Die Katze. Mittelhochdeutscher Text und Übersetzung ins Neuhochdeutsche von Wernfried Hofmeister. Graz: Universitätsverein Steir. Literaturpfade d. MA 2012. (= Texte zu den Steirischen Literaturpfaden des Mittelalters. 3.)
  12. Vgl. Wernfried Hofmeister: Steirische Literatur (950-1282). In: Johannes Giessauf (Hg.): Geschichte der Steiermark (in Vorbereitung), [Vorabdruck 2014: S. 30].
  13. Vgl. Wernfried Hofmeister: Steirische Literatur (950-1282). In: Johannes Giessauf (Hg.): Geschichte der Steiermark (in Vorbereitung), [Vorabdruck 2014: S. 25].
  14. Vgl. Wernfried Hofmeister: Steirische Literatur (950-1282). In: Johannes Giessauf (Hg.): Geschichte der Steiermark (in Vorbereitung), [Vorabdruck 2014: S. 23f.]
  15. Rudolf von Stadeck: Minnelieder. Mittelhochdeutscher Text und Übertragung ins Neuhochdeutsche v. Wernfried Hofmeister. Graz: Universitätsverein Steir. Literaturpfade d. MA 2012. (= Texte zu den Steirischen Literaturpfaden des Mittelalters. 5.)
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