Codex Manesse

Aus Arbeitskoffer zu den Steirischen Literaturpfaden des Mittelalters
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Der sogenannte Codex Manesse, der auch Manessische Liederhandschrift oder Manessische Handschrift, die wohl berühmteste und umfangreichste deutschsprachige Liederhandschrift des Mittelalters, wird derzeit in der Universitätsbibliothek Heidelberg, Deutschland, aufbewahrt. Es handelt sich dabei um eine „auf Vollständigkeit hin angelegte Sammlung des Minnesangs des späten 12. bis frühen 14. Jahrhunderts“[1], die am Anfang bzw. im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts im alemannischen Sprachraum (Zürich) entstanden ist.

Inhaltsverzeichnis

Codex Manesse – Große Heidelberger Liederhandschrift C
(Manessische Handschrift, Cpg 848)

„Sie könnte aus der umfangreichen Sammlung von Minneliedern des Rüdiger Manesse und seines Sohnes hervorgegangen sein, die der Züricher Lyriker Hadlaub[2] in einem Lied […] beschreibt.“[3] In diesem sog. „Manesse-Lied […] werden Rüdiger II. Manesse (1252- 1304) und sein Sohn Johannes (Kustos des Stiftsschatzes, † 1297) als Zürcher Liedersammler vorgestellt und somit erste Hinweise auf Zürich als Entstehungsort der berühmten ‚Großen Heidelberger Liederhandschrift C‘ gegeben. [Johann Jakob] Bodmer griff 1748 auf dieses Lied zurück und gab der Handschrift die weitere Bezeichnung ‚Codex Manesse‘ oder ‚Manessische Liederhandschrift‘.“[4] Nach den jeweiligen Aufbewahrungsorten hieß bzw. heißt der Codex auch Pariser Handschrift oder eben Große Heidelberger Liederhandschrift.

„Mittelalterliche Lyrik ist ganz überwiegend in Sammelhandschriften überliefert, die viele Jahre – oft sogar Jahrzehnte – nach der Entstehung der Lieder erstmals schriftlich fixiert wurden. Es gibt also keine originäre[n], vo[m] Autor abgesegnete[n] Texte, keine ‚Urfassung‘.“ Die Lieder seien in der Regel vorgetragen worden, wobei die fahrenden (Minne-) Sänger vermutlich Repertoire-Büchlein gehabt hätten. „Aus deren Kompilation gingen dann möglicherweise größere Sammlungen hervor, die ihrerseits als ‚Vorlagen‘ für die Sammelhandschriften dienten.“ Damit ließe sich die „Parallelüberlieferung von Texten mit erstaunlicher Ähnlichkeit, ja sogar weitgehender Identität – in den Handschriften A, B und C –“ erklären.[5]

Die handschriftlichen Texte wurden in gotischer Buchschrift von mehreren Schreiberhänden auf Pergament aufgetragen. (Abbildung des Codex Manesse online)

Autoren

Ein ausführliches namenorientiertes Inhaltsverzeichnis nennt 140 Dichter ständisch geordnet. Die Sammlung beginnt mit dem „sozial Höchsten, keiser heinrich, […] mit dem Chanzler, einem (heute) nicht weiter einzuordnenden Dichter, endet sie.“[6]

Die Handschrift enthält außerdem farbige Miniaturen. Den Dichterœvres sind „stilisierte Autorenporträts, die mit dem Namen des Betreffenden überschrieben sind (zuweilen ist auch ein szenisches Geschehen wie Feste oder Turniere festgehalten)“ vorangestellt. „Innerhalb eines Autorœuvres [in C] sind die Texte nach Tönen (metrisch-musikalischen Bauformen) angeordnet, deren Wechsel durch farbige Lombarden (rot und blau) angezeigt wird (mehrere Strophen mit durchgängig blauen Strophenanfangsbuchstaben stellen also ein Lied oder eine metrisch zusammenhängende Reihe dar; eine mit roten Anfangsbuchstaben folgende Strophe signalisiert, dass nun ein neues Lied mit anderer Metrik folgt).“[7] Dass „der Codex [...] nie ‚fertig‘ geworden“ ist, zeigt leerer „kostbarer Pergamentraum“ (manchmal mehrere Blätter, manchmal nur Raum für eine Strophe oder ein Lied), der mehrfach im Anschluss an ein Autorœuvre „freigehalten wurde“.[8]

Zu den steirischen Minnesängern im Codex Manesse

Die Nennung der steirischen Minnesänger im Inhaltsverzeichnis von Hs. C erfolgt in dieser Reihenfolge als

  • Der von Wildonie = Herrand II. von Wildon (1248 bis 1278 urkundlich bezeugt) – drei Lieder in C, fol. 201r – 201v.
  • Herr Ulrich von Lichtenstein (1227 bis 1274 urkundlich bezeugt) – er selbst sagt, er habe 58 doene gesungen[9]; in Hs. C, fol. 237r – 247r, fehlt davon der Leich und bei weiteren fünf Liedern (XXII, XXIII, XXXIX, LI und LVI) fehlen Strophen. [10]
  • Von Stadegge = Rudolf II. von Stadeck (1230 bis 1262 urkundlich bezeugt) – drei Lieder in Hs. C, fol. 257v – 258r.

Der von Wildonie = Herrand II. von Wildonie

  • Geb. um 1230, gest. um 1278-82, war ein politisch engagierter mittelhochdeutscher Epiker (vier Verserzählungen sind im Ambraser Heldenbuch überliefert: Die treue Gattin, Der betrogene Gatte, Der nackte Kaiser, Die Katze) und Lyriker, welcher von 1248-78 urkundlich erwähnt wurde. Er stammte aus dem einflussreichen steirischen Ministerialengeschlecht Wildon (südlich von Graz), verheiratet mit Perchta, einer Tochter Ulrichs von Liechtenstein.[11]


Die drei Lieder in der Heidelberger Liederhandschrift C:

Lied I: Festhalten an Frohsinn und Minnetreue trotz des Leids, das der Winter gebracht habe.[12]
Lied II: „Freude über die Maienzeit“ und Preis der Schönheit der Minneherrin verbunden mit dem Wunsch, dies auch sehen zu dürfen.[13]
Lied III: Mailied mit Preis rehter wîbes güete.[14]

Herr Ulrich von Lichtenstein

  • Geb. um 1200/10; oftmals auch als "Ulrich von Liechtenstein" bezeichnet. Ulrich war einerseits Autor, ist andererseits aber „in 94 Urkunden und in mehreren Chroniken“ genannt, die von 1227 bis 1274 seine Tätigkeit in den Ländern Steier, Österreich, Kärnten und Krain belegen.[15] Ulrich von Liechtenstein wird um 1200/1210 als Sohn eines Kämmerers in der Steiermark geboren und am Hof des Markgrafen von Istrien erzogen. Verheiratet mit Bertha von Weizenstein, spielt er auch in den politischen Wirren nach dem Tode Friedrichs II. im Jahre 1250 eine wichtige Rolle. 1222 wird Ulrich „auf dem Hochzeitsfest für die Tochter Leopolds“ zum Ritter geschlagen. An Ämtern bekleidete er: 1244/45 Truchsess, 1267-72 Marschall und 1272 Landesrichter in der Steiermark. Ulrich von Liechtenstein stirbt am 26. Januar 1275.[16]

Ulrichs Lieder in der Handschrift C stehen – nach der farbigen Miniatur auf Blatt 237r, die zeigt, „wie Ulrich [als Frau Venus] in Mestre auf dem Pferd aus dem Meer steigt“[17] – auf den Blättern 237v bis 247r. Insgesamt sind unter Ulrichs Namen 58 Lieder[18] (darunter ein Leich) – eingebettet in einen Minneroman in Ich-Form Vrouwen dienest, 1255 – und ein didaktisches Minnebüchlein – Der vrouwen buoch[19], 1257 – überliefert. Die Lieder sind „sowohl in der Münchner Handschrift des Frauendienstes [München, BSB, Cgm 44, Sigle L; bis auf ein Doppelblatt vollständig], der ja den epischen Rahmen dafür liefert, als auch getrennt von diesem in derselben Reihenfolge wie im Roman in der Großen Heidelberger Liederhandschrift C“[20] erhalten. Melodien sind nicht mit überliefert. Bei Ulrich von Lichtenstein handle es sich um eines der umfangreichsten lyrischen Korpora des 13. Jahrhunderts und „um das größte nicht-schwäbische Korpus.“[21]

Entsprechend dem epischen Rahmen des Frauendienst-Romans lassen sich die Lieder in Bezug auf die beiden Minnedienste gruppieren: „die Lieder des ersten Dienstes [Strophen 8-1365], die sich wiederum in Werbe-, Schimpf- und Aufsagelieder unterteilen lassen; die Lieder der Zwischenphase [Strophen 1366-1389], die auf die Rollen des liebenden Ich und der geliebten Dame verzichten und also nach Art der ‚allgemeinen Minnelieder‘ gestaltet sind; schließlich die Lieder des zweiten Dienstes [Strophen 1390-1835], die das Moment der Freude betonen.“[22] Da die meisten Lieder auch ohne den „epischen Rahmen“ – der "Frauendienst" besteht aus 1850 achtzeiligen, paarweise gereimten Strophen – verständlich und „manche von ihnen sogar ziemlich mangelhaft darin eingefügt“ seien, könne angenommen werden, dass die meisten „wohl auch vor dem Roman“ entstanden sind. Abfolge der Lieder und, so angegeben, Entstehungsanlass seien „als fiktional einzustufen.“[23] Bei 37 Liedern (Nr. I bis XXXVIII, außer XXI) mit Überschrift stehe 26-mal tanzwîse, „woraus wir, wie bei Neidhart und dem Tannhäuser, auf die Hauptfunktion des gesamten Liedgutes schließen dürfen“[24]. Obwohl die Strophenzahl von Ulrichs Liedern zwischen drei und sieben variiert, haben 22 Lieder fünf Strophen und 23 sieben; dies seinen knapp 80 Prozent aller seiner Lieder.[25] Dem Strophenbau nach sei – entsprechend der im deutschen Minnesang dominierenden Kanzonenstrophe – bei Ulrich der Grundtypus „eine Strophe aus sieben Versen […], in der vier kreuzgereimte Verse den Aufgesang und eine Triade den Abgesang ausmachen: ababccc.“[26] Von den im Minnesang typischen Leitbegriffen ließe sich „die Betonung der Freude, die in Ulrichs Liedern zum dominanten Stimmungswert wird […] bzw. der Tadel der Traurigen“ hervorheben.[27]

[Rudolf] Von Stadegge

  • Urkundlich bezeugt 1230–1262. „Die Stadeecker spielen bereits um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert in der Steiermark als einflussreiche, wohlhabende Ministerialen, die ihren Namen von einem inzwischen verfallenen Besitz nördlich von Graz ableiten, eine wesentliche Rolle.“[28] Rudolf II. († 1261), der Dichter, werde auch im Epilog einer Münchner Eneit-Handschrift (Aeneas-Roman Heinrichs von Veldeke) als Auftraggeber genannt.[29]

In Hs. C sind drei Lieder mit ausführlichen Natureingängen unter seinem Namen erhalten. Lied I beklagt den Winter und die ablehnende Haltung der frouwe. Lied II ist ein Sommerlied, ebenso Lied III, das als Besonderheit mit „einer verhüllten Absage an die frouwe“[30], also einer Dienstaufsage, endet.[31] Darauf bezogen stelle die Miniatur in Hs. C, fol. 257v den Dichter dar, „wie er seine Dame gar unsänftiglich zerzaust.“[32]

Quellennachweise

  1. Thomas Bein: Textkritik. Eine Einführung in die Grundlagen germanistisch-mediävistischer Editionswissenschaft. Lehrbuch mit Übungsteil. 2., überarb. u. erweit. Aufl. Frankfurt/Main: Lang 2011, 57.
  2. Vgl. im Autoœuvre des Dichters Hadlaub die rote Kennzeichnung des Anfangsbuchstaben im Namen Ruedge Manesse (Blatt 372r).
  3. Deutsche Lyrik des Mittelalters. Zweisprachige Ausgabe Mittelhochdeutsch – Neuhochdeutsch. Hrsg., übersetzt, mit Anmerkungen u. einem Nachwort versehen v. Manfred Stange. 2., überarb. Aufl. Wiesbaden: Marixverlag 2013, 445.
  4. Ebda., 427.
  5. Vgl. ebda., 443f.
  6. Bein 2011, 57.
  7. Ebda., 58
  8. Vgl. ebda.
  9. Vgl. Ulrich von Lichtenstein: Frauendienst, Strophe 1846.
  10. Vgl. Manuel Braun: Typus und Variation im Minnesang des 13. Jahrhunderts. In: Sandra Linden, Christopher Young (Hrsg.): Ulrich von Liechtenstein. Leben – Zeit – Werk – Forschung. Berlin: de Gruyter 2010, S. 400.
  11. Wernfried Hofmeister: Die steirischen Minnesänger. Edition, Übersetzung, Kommentar. Göppingen: Kümmerle 1987. (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. 472), S. 79.
  12. Vgl. ebda, 87f.
  13. Vgl. ebda., 94f.
  14. Vgl. ebda., 101f.
  15. Vgl. Ulrich von Liechtenstein: Das Frauenbuch. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert v. Christopher Young. Stuttgart: Reclam 2003. (= RUB. 18290.), S. 9.
  16. Vgl. Ulrich von Liechtenstein. (o. D.) Bibliotheka Augustana. URL: http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/13Jh/Liechtenstein/lie_intr.html [5. 5. 2013].
  17. Ulrich von Liechtenstein. Frauendienst. Roman. Aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche übertragen von Franz Viktor Spechtler. Klagenfurt: Wieser 2000, S. 662.
  18. Vgl. Frauendienst, Strophe 1846, Edition Lachmann, 592, 11f: Zweir minner sehtzic dœne ich hân / gesungen: die stânt gar hier an.
  19. So übertitelt in der Edition von Karl Lachmann. In der vorletzten Zeile der Münchner Handschrift Cgm 44 steht: vrówen dienst ist eʒ genant.
  20. Fritz Peter Knapp: Die Literatur des Früh- und Hochmittelalters in den Bistümern Passau, Salzburg, Brixen und Trient von den Anfängen bis zum Jahre 1273. In: Geschichte d. Literatur in Österreich von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. v. Herbert Zeman. Bd. 1. Graz: Akademische Druck- u. Verlagsanstalt 1994, S. 483.
  21. Braun 2010, 401.
  22. Ebda., 402.
  23. Knapp 1994, 483.
  24. Ebda.
  25. Braun 2010, 403.
  26. Ebda., 405.
  27. Vgl. ebda., 418-420.
  28. Hofmeister 1987, 57.
  29. Vgl. ebda.
  30. Alfred Kracher: Mittelalterliche Literatur und Dichtung in der Steiermark. In: Literatur in der Steiermark. Landesausstellung 1976. Graz: Styria 1976. (= Arbeiten aus der steiermärkischen Landesbibliothek. 15.), S. 25.
  31. Vgl. Knapp 1994 494. – Genaueres zum Inhalt der drei Lieder in: ADB: Stadegge, Rudolf von. Wikisource. URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Stadegge_Rudolf_von&oldid=1694352 [10. 5. 2013].
  32. Ebda.

Literatur

Große Heidelberger Liederhandschrift C (Manessische Handschrift, Cpg 848). Anfang bis 1. Drittel 14. Jh. Pergament, gotische Buchschrift. [Digital zugänglich über die Universitätsbibliothek der Uni Heidelberg]. (04.04.2013) Persistente URL: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848 URN: urn:nbn:de:bsz:16-diglit-22223.

Bein, Thomas: Textkritik. Eine Einführung in die Grundlagen germanistisch-mediävistischer Editionswissenschaft. Lehrbuch mit Übungsteil. 2., überarb. u. erweit. Aufl. Frankfurt/Main: Lang 2011.

Braun, Manuel: Typus und Variation im Minnesang des 13. Jahrhunderts. In: Sandra Linden, Christopher Young (Hrsg.): Ulrich von Liechtenstein. Leben – Zeit – Werk – Forschung. Berlin: de Gruyter 2010, S. 398-441.

Knapp, Fritz Peter: Die Literatur des Früh- und Hochmittelalters in den Bistümern Passau, Salzburg, Brixen und Trient von den Anfängen bis zum Jahre 1273. In: Geschichte d. Literatur in Österreich von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. v. Herbert Zeman. Bd. 1. Graz: Akademische Druck- u. Verlagsanstalt 1994.

Kracher, Alfred: Mittelalterliche Literatur und Dichtung in der Steiermark. In: Literatur in der Steiermark. Landesausstellung 1976. Graz: Styria 1976. (= Arbeiten aus der steiermärkischen Landesbibliothek. 15.)

Ulrich von Liechtenstein. Frauendienst. Roman. Aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche übertragen von Franz Viktor Spechtler. Klagenfurt: Wieser 2000.

Weiterführende Links

Artikel in Wikipedia zu "Codex Manesse"

Digitalisat der Großen Heidelberger Liederhandschrift C (Manessische Handschrift, Cpg 848)

Digitalisat Der von Wildonie in Cpg 848

Digitalisat Ulrich von Lichtenstein in Cpg 848

Digitalisat Von Stadegge in Cpg 848

Cpg 848 in handschriftencensus.de


Name der Autorin: Katharina Tschuffer, 19.06.2013

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